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"Kinder und Jugendliche vor dem Abdriften bewahren"
Andreas will referierte über Jugendkriminalität und Skins
Cham. (mh) Auf sehr viel Resonanz und viele begeisterte Zuhörer aus dem Bereich der Jugendarbeit im Landkreis stieß der jüngste Vortrag der Hanns-Seidl-Stiftung im BRK-Haus mit einem Aufruf zur Zivilcourage. Diese hat sich aufgrund der Änderung in Förderrichtlinien und die Schwerpunktthemen Jugend und Politik diese Aufklärungsveranstaltungen zur Aufgabe gemacht. Da die Gewaltbereitschaft und Straffälligkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit 1990 laut einer Studie kontinuierlich gestiegen ist, entsteht im Bereich Erziehung und Jugendarbeit enormer Handlungsbedarf. In Zusammenarbeit mit der BSJ und dem Kreisjugendring im Landkreis Cham konnte wieder eine richtungsweisende Präventionsveranstaltung zum Thema Jugendkriminalität und Rechtsextremismus ins Leben gerufen werden, zu der stellvertretend für den kurzfristig erkrankten Referent Alfred Janzik vom Fortbildungsinstitut der Polizei von der Hanns-Seidl-Stiftung Andreas Will aus Bischberg/Raum Bamberg gewonnen werden konnte, der brisante Themen ausführlich und humorvoll beleuchten konnte. Auch Günther Lommer, Präsident des Bayerischen Landessportverbandes hatte sich neben zahlreichen Funktionären von Sportvereinen eingefunden.
Will bei seinem Referat.
Wenn der Jugendliche etwas anstellt, kann dies oft ungeahnte zivil- und strafrechtliche Folgen haben. Freizeit und Schule bilden für den Jugendlichen ein hohes Potential an Beschaffungskriminalität, so der Referent Andreas Will. Aufgrund der geringen geistigen Reife könne ein Minderjähriger noch nicht abschätzen, welche Folgen ein dummer Schülerstreich oder ein „Späßchen“ haben kann. Die „Fahnenstange“ ist allerdings erreicht, wenn Rowdys im Freizeitbereich straffällig werden und Schüler den Lehrer plötzlich ins Gesicht schlagen oder nur aus Spaß an Zerstörung die Schule verwüsten bis hin zu Suizidgefahr oder Mordlust auf Lehrer und Mitschüler- wenn Erzieher und Lehrer nicht mehr eingreifen können, so bleibt nur noch der Gang zum Jugendamt und der Polizei, erklärte Will. „Warum hat das ein Jugendlicher gemacht, was wollte er damit erreichen?“, fragte er und kam zu dem Schluss, dass Jugendkriminalität sehr tief greifende Wurzeln habe. Wenn zivil- und strafrechtliche Folgen greifen, können der Täter und die Angehörigen ein ganzes Vermögen verlieren, da auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit die Schadensersatzpflicht greift und in diesen Fällen keine Versicherung zahlt, wenn der Schüler beispielsweise aus Jux und gezieltem Spaß in der Turnhalle mit dem Basketball eine Lampe „herunterschießt“. Verschiedene Rechtsbegriffe im Zusammenhang mit den Schadensregulierungen und den Unterschied zwischen Zivil- und Strafrecht zeigte Will genau auf. So kann ein Kind bis zu 14 Jahren generell nur zivilrechtlich verfolgt werden. Dazu zeigte Will einige Fälle aus der Praxis und Presseberichte über den „Heißen Bubenstreich“ mit dreifacher Todesfolge, den Amoklauf eines Schülers und einen Fall aus Bad Reichenhall auf. Aussagen wie „Als Massenmörder berühmt werden“ sollten zu denken geben. Verschiedene polizeiliche Ermittlungen des Umfeldes von Tätern hatten ergeben, das sich keiner dem jungen Menschen anvertraut oder im Vorfeld eine Beziehung zu den Kids aufgebaut hätte. Oft ist Frustration auch eine Folge, wenn der Jugendliche als Mitglied eines Sportvereins im Konflikt mit den Kameraden oder dem Jugendtrainer ist, besonders dann, wenn die Leistung nicht mehr stimmt und er als Fußballer aufgrund eines Leistungsdefizits des Öfteren die Ersatzbank drücken muss, hier ermunterte Will die Jugendleiter, den Frustrierten trotzdem ins Geschehen mit einzubinden. Wenn sich jemand abschottet, soll man versuchen, an ihn heranzukommen. Bisher bekannte Strafen wie Hausarrest oder die klassische „Watsch´n“ können also kaum Früchte tragen und seien nach den Worten des Referenten längst überholt., da sich der Jugendliche in seinem Zimmer lediglich mit dem DVD-Player, PC und der Stereoanlage beschäftige und seine eigene Welt baut. „Die Ursache finden und auf den Jugendlichen eingehen!“, „Geben Sie nicht auf, geben Sie nicht nach“, appellierte Will an die Anwesenden. Als Paradebeispiel nannte er die „Amokakte von Erfurt“, so helfe es dann im Nachhinein kaum etwas, nur noch weinend am Friedhof zu stehen, meinte der Referent. Auch kleine und harmlos gedachte Streiche, wie etwa dem unbeliebten Mathe-Lehrer eine auszuwischen führte in einigen Fällen schon zu Todesfolgen. „Wenn keine Korrespondenz rüberkommt, den Schüler aufschreiben lassen, was ihn bewegt“, so ein weiterer Tipp Wills. Schule, Kindergärten, Eltern und Politik haben es seit 1990 nicht geschafft, der Jugendkriminalität entschieden entgegenzuwirken. Hierzu nannte Will die Hauptursachen, die im Jahr 1994 mit dem Begriff Atari-Spielgeräte, später dann mit PC-Spielen, DVD, und Handy in Verbindung gebracht werden. Die Gruppe von Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren würde sich am meisten für technische Neuerungen interessieren und wurde durch diese Dinge regelrecht „überrumpelt“. Produktpiraterie, verbotene CD-Vervielfältigungen bis hin zu Handystraftaten waren die Folge, das Herunterladen von rechtsradikalen Symbolen bis hin zu Tier- und Kinderpornografie auf Handybildschirme bilde neues Potential. „Haben Sie schon mitgekriegt, was die Kids mit den Handys treiben?“, so Will. Hierzu schilderte er einen Fall sexueller Beleidigung einer Mitschülerin beim Filmen bzw. Fotografieren auf der Toilette.
Andreas Will (re.) demonstriert Handy-Kriminalität.
Das Brennen von DVDs und CDs sei im nicht gewerblichen Bereich nur mit einer Sicherungskopie erlaubt. Dazu erläuterte Will die Urheberrechtsverletzung, Kunsturheberrecht im Zusammenhang mit persönlicher Diffamierung und Intimbereichsverletzung. Einen regelrechten Kaufrausch am Schul-PC verübten in München Schüler in Höhe von 130 Millionen Euro. Die Ursachen von Gewalt sind Stress- bzw. Leistungsdruck, Ignoranz von Gewalt, die auffällige soziale Struktur und monotone Rahmenbedingungen. In vielen Fällen würden auch Eltern ihre Erziehungspflicht in gröbster Weise verletzen, hier gab Will ebenfalls einen Fall mit Wahrheitsgehalt bekannt, jugendspezifisch gilt Gruppenbildung, Langeweile, Nervenkitzel, Auslotung der Normgrenzen und Alkoholmissbrauch als Ursache. „EGO“, „Ich“ und Anerkennung möchte der Jugendliche herausstellen. Hooligans würden nur in der Masse die „großen Gorillas“ sein, die Szene blüht im asozialen Feld. Über Jahre wird also nur zugeschaut, bis junge Menschen ganz in diese Szenen abdriften. Dazu zeigte Will das politische Spektrum der Skins auf, typische Erkennungsmerkmale und verfassungswidrige Symbole aus der Nazizeit gab er dazu bekannt. So sollen die Verantwortlichen auch reinhören was die Kids hören. Es existiert in Massen rechtspopulistisches und antichristliches Liedgut und übliche Schusswaffen wie Schlagwerkzeuge, davon stellte Will einiges vor. Laut einer Novellierung des Waffengesetzes im Jahr 2004 sind nun auch alle Butterflymesser verboten.
Referent Andreas Will
Im Namen der Stiftung bedankten sich zum Schluss Rudolf Mahlmeister, Kreisjugendpfleger und Geschäftsführer Frank Simon sowie Vorsitzender Frank Aumeier für das „top ausgeführte“ Thema bei Andreas Will mit einem Präsent. Aumeier übermittelte auch die Empfehlungen von Landrat Theo Zellner. Die Anwesenden würdigten die Ausführungen mit einem kräftigen Applaus. Der Kreisjugendring plant auch weiterhin wieder verschiedene Vorträge.
Der Referent mit den Initiatoren der Stiftung.
(Markus Hochheimer - Chamer Zeitung) |
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Upd2007-03-07 |
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