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Jede Frau muss sich heute wehren können
BSJ bereitet Mädchen und Frauen gezielt zur "Selbstverteidigung" vor
Cham/Pösing. Zu einer Fortbildung der Bayerischen Sportjugend in Kooperation mit dem AK – Sport in Schule und Verein lud Vorsitzender Hubert Lauerer am vergangenen Samstag in die Sporthalle nach Pösing ein.
Ein Schnupper-Kurs zur Selbstverteidigung für Lehrerinnen und Lehrer sowie Übungsleiterinnen und Übungsleiter der Vereine stand dabei auf dem Programm. Lauerer traf damit, auf Grund der starken Beteiligung, anscheinend genau die Interessen des sogenannten „schwachen Geschlechts“. Dieser Kurs war auch innerhalb kürzester Zeit ausgebucht.
Der Vorsitzende zeigte sich erfreut, eine große Anzahl (ca. 30) interessierter Lehrer und Lehrerinnen sowie Übungsleiterinnen und Übungsleiter begrüßen zu dürfen. Mit Verweis auf die jüngsten Ereignisse betonte er, dass Mädchen und Frauen nicht früh genug mit Selbstverteidigung vertraut gemacht werden und durch die erfahrenen Referenten Einblick in die Möglichkeiten der Verteidigung bekommen sollten.
Referenten waren das Dreier-Team mit Gerhard Himmel, Anton Jellen und Karl Schmid. Hauptreferent in Theorie und Praxis war Gerhard Himmel, Hauptkommissar bei der PI Roding. Das Auf- und Abwärmen übernahm Karl Schmid, der seit 23 Jahren beim TB 03 Roding aktiv Kampfsport betreibt. Anton Jellen von der Karate-Abteilung des TSV Pösing stand mit Rat und Tat zur Seite.
Kurzweilig und erlebnisreich waren für die Beteiligten die Stunden. Ein Wechselbad der Gefühle von Hilflosigkeit über den Urschrei bis zur meditaiven Bilderreise auf die farbenprächtige Blumenwiese gesellte sich zu schweißtropfenden Körpern. Beim warm up mit Latino Musik wurden die Stärken der Frauen (und wenigen Männern) herausgehoben. Dabei wurden Stimme, Hände und Beine benutzt. Schreien, eine Szene machen, kämpfen und flüchten sind die besten Methoden, um einen Angreifer zur Aufgabe zu zwingen. Schreien mobilisiert aber auch die Kräfte. Dies hat jeder dabei selbst erlebt.
Es wurde immer wieder festgestellt, dass bei den Selbstverteidigungstechniken nicht die Quantität sondern die Qualität zählt. Bei der Kräftigung der Körperteile (angreifen mit Hand und Fuß) wurden die Teilnehmer durch den Takt der Hip Hop Musik an ihre eigenen Grenzen geführt.
Übungen und Techniken wurden vorgestellt und geübt. Wichtig bei der Ausführung sind Schnelligkeit, Überraschungsmoment, Genauigkeit auf die Körperstellen Hals, Nase, Augen und bekannte empfindliche Stellen.
Im ersten Teil lernten die Mädchen und Frauen, wie man sich aus einem einfachen, aber kraftvollen Griff am Arm befreit. Zum einen um sich so wenig wie möglich zu verletzen, zum anderen um so schnell wie möglich wieder abwehrbereit zu sein. Nach einer Fallschule wurde demonstriert, wie man, am Boden liegend in Abwehrstellung, möglichst schnell wieder auf die Beine kommt. Ebenso wurde die Verteidigung bei einem Würgegriff oder einer Umklammerung von hinten stehend, aber auch liegend gezeigt. Der erste Schritt der Verteidigung, so Gerhard Himmel, sei eine klare und bestimmte Aufforderung, das Festhalten oder ähnliches zu lassen. Kommt der Angreifer dieser verbalen Abwehr nicht nach, sei ein Tritt gegen das Schienbein fürs erste das Wirkungsvollste.
Das weitere Vorgehen bestehe dann darin, den Täter mit den Fingern in die Augen zu stoßen oder, im äußersten Fall, mit einem gezielten Faustschlag auf den Kehlkopf niederzustrecken. Sowohl ein gezielter Faustschlag als auch das Stechen in die Augen müsse mit äußerster Kraft ausgeführt werden.
Allerdings muss man sich dabei im Klaren sein, dass ein Kehlkopfschlag zumeist tödlich endet und somit ein Totschlagsdelikt gegeben ist. Dieser juristischen Folgen müsse man sich dabei bewusst sein. Daher bleibt es unausweichlich, die Gefahrensituation richtig einschätzen zu lernen.
Nach einer Pause, bei der die Bayerische Sportjugend (bsj) die Teilnehmer mit Kuchen, Wurstsemmeln und Obst verköstigte, klärte der Hauptkommissar in groben Zügen die rechtliche Seite der Notwehr. Ferner wies er darauf hin, dass beispielsweise sexuelle Übergriffe laut Statistik zum Großteil im Freundes- und Bekanntenkreis stattfänden. Auch die Tatorte lägen hauptsächlich im privaten Bereich (Wohnungen etc.), seltener an öffentlichen Stellen (Tiefgaragen usw.). Sollte man aber tatsächlich an einem gut frequentierten Ort belästigt oder verfolgt werden, müsse man einen Helfer direkt ansprechen, denn bei einer nur allgemeinen Aufforderung fühle sich oftmals niemand fähig, Hilfe zu leisten.
Aufgrund dieser Tatsache, dass Täter häufig bekannte Personen sind, sei es dringend notwendig, frühzeitig Grenzen abzustecken und klar und deutlich seine Ablehnung zu artikulieren. Ohnehin sei eine feste und bestimmende Tonlage der erste Schritt der Verteidigung, die den Täter vielleicht schon zur Aufgabe bewegt. Weitere Verteidigungsmittel sollten Gegenstände sein, die ein Täter nicht gegen das Opfer selbst richten könne. Gerhard Himmel bezeichnete auch alltägliche Gegenstände wie einen Schlüsselbund als hilfreich, da man die Schlüssel zu einer Art Schlagring umfunktionieren könne. Insgesamt lässt sich sagen, dass grundsätzlich alle möglichen Mittel zu seiner Verteidigung angewendet werden können. Allerdings soll jedes Verteidigungsmittel mit aller Kraft eingesetzt werden und nicht zu zögerlich.
Jeder müsse, so der Tenor der Referenten, für sich die beste Abwehr finden. Unablässig sei es allerdings, Griffe und Abwehrtechniken zu automatisieren. Ratsam wäre es, sich immer wieder Kursen zu unterziehen und privat oder in Gruppen für den Notfall zu trainieren.
Die Ereignisse in Schulen, aber auch im privaten Bereich zeigten, dass Selbstverteidigung nicht früh genug gelernt werden könne und man sich möglichst frühzeitig mit Abwehrtechniken vertraut machen sollte. Zur eigenen Sicherheit, aber auch als Verteidiger für andere sei eine Ausbildung in Selbstverteidigung in unserer dekadenten Gesellschaft für Mädchen und Frauen schon fast Notwendigkeit.
Wenn man angegriffen wird, was tun?
Den Abschluss des Crash-Kurses bildete neben dem sogenannten "Pratzentraining", bei dem die Teilnehmerinnen Fußstöße beispielsweise zwischen die Beine eines möglichen Angreifers üben konnten. Das sog. „Pratzentraining“ ist ein sehr wichtiger Teil. Wie soll man sonst wissen wie das Gefühl ist, wenn man „volle Kanne und mit Urschrei“ einen Angreifer zwischen die Beine tritt. Dieser Übungsteil musste jeder durchstehen um die Eintrittskarte zur Meditation auf der Blumenwiese zu erhalten, von der die Bilderreisenden sichtlich schwer wieder in die Halle zurückkamen, wo der dreistündige Lehrgang mit dem traditionellen japanischen Gruß Otogani Rei (Schüler begrüßen sich untereinander) beendet wurde.
Zum Abschluss überreichte Vorsitzender Hubert Lauerer an Barbara Zwicknagl eine Urkunde über die erfolgreiche Teilnahme am Clubassistenten-Lehrgang in Furth im Wald.
(Petra Schönberger) |
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Upd2003-01-07 |
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